deutsch nederlands

Abschied von Westerbork: ... Einsteigen. In der Trinkwassertonne hängt ein Schöpflöffel, den wir aus der

Die Odyssee, 5-9-1944 bis 8-6-1945

Baracke mitgenommen haben. Hinter dem Vorhang in der Ecke steht die Latrinentonne..... Die Schiebetür wird geschlossen. Oft von Aussen gesehen, nie von Innen, nur geahnt, wie arg das ist. Plötzlich ist man im Dunkeln eingeschlossen. Nur durch die zwei Luken dringt Licht. Die Lokomotive pfeift, der Zug fährt los. Wir sitzen ganz eng zusammen und lauschen dem monotonen Geräusch der Räder. Wir werden wach als wir in Oldenzaal, der Grenzstation, ankommen. Der Zug bleibt hier lange stehen, Carry und ich schauen durch eine Luke. Der Weichensteller mit einer kleinen roten Fahne, geht den Zug entlang. ”Kopf hoch! Die Amerikaner sind schon in Maastricht!” ruft er auf holländisch. Als er ganz vorne ist, stellt er eine Weiche um. Er gibt ein Zeichen mit seiner Fahne, die Lokomotive pfeift, der Zug mit einer Kriegsbeute von 2000 wehrlosen Juden fährt in Deutschland ein..

Ankunft in Theresienstadt: ... Am Platz vor der Kasematte steht unter einem Kastanienbaum bei einer Bank ein Tisch mit einem Essenskübel. Kaffee, denke ich. Ein Mann vom Küchendienst verlangt meine Essenkarte und knipst sie. Da ich keinen

Theresienstadt

Becher habe, darf ich seinen verwenden, den er bei einer Wasserleitung ausspült. Es ist Tee, aber warm und trinkbar. Am Baum ist eine Schultafel festgeschraubt, darauf steht:

        6.9.44 Speisenfolge
        Früh Tee
        Mittag Suppe 30 Gramm, Gulasch 40 Gramm, Graupen 40 Gramm
        Abend Suppe 40 Gramm, Brot Portion

Der Küchendienstmann erklärt mir, daß das Essen tatsächlich auf einer Briefwaage gewogen wird. Die Brotportionen sind nicht schlecht, aber abhängig von den Vorräten.... Das Essen ist also gut hier, aber es wird in lächerlichen Quantitäten verabreicht. Ich danke ihm herzlichst; vier Jahre im Lager haben mich gelehrt, daß derjenige, der Essen austeilt, im Kampf ums Überleben ein wesentlicher Faktor ist...

Auschwitz/Birkenau: ... Deswegen stehen wir länger als sonst draussen und hören in der Ferne Schreien, Wimmern, Heulen.

KL Auschwitz II - Birkenau

Es kommt immer näher. Vieles sind wir hier schon gewöhnt, aber das geht durch Mark und Bein. Jetzt sehen wir auch, was es ist. Eine Gruppe menschlicher Gerippe, ohne Schuhe, nur mit einem weissen Hemd bekleidet, geht, schleicht oder kriecht sogar auf der Straße, die unsere Baracke entlang führt. Die Ärmsten, mehr tot als lebend, werden eskortiert von SS mit der Pistole im Anschlag und Kapos mitPeitschen. Sie schreien, sie rufen um Hilfe. Sie jammern, daß sie noch arbeiten wollen und können. Die Kapos schlagen und treten einen, der zusammengebrochen ist. Andere, nicht viel besser dran, müssen ihn aufheben und mitschleppen. Weit ist es nicht mehr, sie kommen in die Baracke neben uns. Am Ende dieser teuflischen Parade kommt ein Lastwagen. Drauf liegen, kreuz und quer diejenigen, die den Aufzug nicht überstanden haben. Vor der Baracke werden sie einfach vom Wagen geschmissen und in die Baracke gezerrt. "Muselmänner. Wenn ihr nicht von Auschwitz wegkommt, ist das euer Los" sagt Feldmann, der doch mehr weiß als wir....

Hasagwerk Meuselwitz: ...

Meuselwitz 1942

Täglich fällt es mehr auf, daß der Gesichtsausdruck der Menschen eine Maske wird. Gleichgültig ob es die sind, die am Zaun ins Lager hineinschauen, oder die, die wir sehen, wenn wir in der Stadt Schutt räumen müssen. Nur die Kinder, die jetzt eingerückt sind und durch unsere Straße marschieren, haben noch ein Gesicht. Der Stahlhelm reicht bis auf die Schultern, Die Uniformen sind zu groß, das Gewehr scheint von einem Riesen zu sein. Aber sie gehen stramm im Schritt, so wie sie das in der Hitlerjugend gelernt haben und die Augen strahlen wenn sie singen:
“Wir werden weiter marschieren bis alles in Scherben fällt
denn heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt”,
manchmal singen sie auch: "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt..."
Immer aber wollen sie kämpfen und sterben für den Führer und das Vaterland...

Komotau: ...

Kirche in Komotau

wir setzen uns auf den Gehsteig, die Füße im Rinnsal. Ich versuche meinen Schuh wieder herzurichten, es geht kaum noch. Der Eisendraht schneidet in das Leder und hat keinen Halt mehr. Während ich es doch noch probiere, klopft jemand auf meine Schulter. Eine blonde Frau, vierzig vielleicht. "Entschuldigen bitte" sagt sie, "ich sehe, daß Ihr Schuh kaput ist. So können Sie doch nicht gehen." Da ich nicht weiß, was ich antworten soll, fährt sie fort, daß sie mir ein Paar Schuhe schenken wird, wenn ich nur einen Augenblick warten will. "Bitteschön", sage ich und stehe auf. Aber sie ist schon weg und kommt gleich wieder mit einem Paar wunderbaren Wanderschuhen. "Von meinem Buben" sagt sie. "Er ist an der Front gefallen und war doch erst siebzehn! Tragen Sie sie, bitte." Ich sehe Tränen in ihren Augen, aber bevor ich mich bedanken kann, ist sie schon im Haus und schlägt die Türe hinter sich zu. Es verschlägt uns die Stimme...

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