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Abschied von Westerbork: ... Einsteigen. In der Trinkwassertonne hängt ein Schöpflöffel, den wir aus der
Baracke mitgenommen haben. Hinter dem Vorhang in der Ecke steht die Latrinentonne..... Die Schiebetür wird geschlossen. Oft von Aussen
gesehen, nie von Innen, nur geahnt, wie arg das ist. Plötzlich ist man im Dunkeln eingeschlossen. Nur durch die zwei Luken dringt Licht. Die Lokomotive pfeift, der Zug fährt los. Wir sitzen ganz eng zusammen und
lauschen dem monotonen Geräusch der Räder. Wir werden wach als wir in Oldenzaal, der Grenzstation, ankommen. Der Zug bleibt hier lange stehen, Carry und ich schauen durch eine Luke. Der Weichensteller mit
einer kleinen roten Fahne, geht den Zug entlang. ”Kopf hoch! Die Amerikaner sind schon in Maastricht!” ruft er auf holländisch. Als er ganz vorne ist, stellt er eine Weiche um. Er gibt ein Zeichen mit seiner
Fahne, die Lokomotive pfeift, der Zug mit einer Kriegsbeute von 2000 wehrlosen Juden fährt in Deutschland ein..
Ankunft in Theresienstadt: ... Am Platz vor der Kasematte steht unter einem Kastanienbaum bei einer Bank ein Tisch mit einem Essenskübel. Kaffee, denke ich. Ein Mann vom Küchendienst verlangt meine
Essenkarte und knipst sie. Da ich keinen
Becher habe, darf ich seinen verwenden, den er bei einer Wasserleitung ausspült. Es ist Tee, aber warm und trinkbar. Am Baum ist
eine Schultafel festgeschraubt, darauf steht:
6.9.44 Speisenfolge Früh Tee Mittag Suppe 30 Gramm, Gulasch 40 Gramm,
Graupen 40 Gramm Abend Suppe 40 Gramm, Brot Portion
Der Küchendienstmann erklärt mir, daß das Essen tatsächlich auf einer
Briefwaage gewogen wird. Die Brotportionen sind nicht schlecht, aber abhängig von den Vorräten.... Das Essen ist also gut hier, aber es wird in lächerlichen Quantitäten
verabreicht. Ich danke ihm herzlichst; vier Jahre im Lager haben mich gelehrt, daß derjenige, der Essen austeilt, im Kampf ums Überleben ein wesentlicher Faktor ist...
Auschwitz/Birkenau: ... Deswegen stehen wir länger als sonst draussen und hören in der Ferne Schreien, Wimmern, Heulen.
Es kommt immer näher. Vieles sind wir hier schon gewöhnt, aber das geht durch Mark und Bein. Jetzt sehen wir auch, was es ist. Eine Gruppe menschlicher
Gerippe, ohne Schuhe, nur mit einem weissen Hemd bekleidet, geht, schleicht oder kriecht sogar auf der Straße, die unsere Baracke entlang führt. Die Ärmsten, mehr tot als lebend, werden eskortiert von SS mit der Pistole im
Anschlag und Kapos mitPeitschen. Sie schreien, sie rufen um Hilfe. Sie jammern, daß sie noch arbeiten wollen und können. Die Kapos schlagen und treten einen, der zusammengebrochen ist. Andere, nicht viel besser dran,
müssen ihn aufheben und mitschleppen. Weit ist es nicht mehr, sie kommen in die Baracke neben uns. Am Ende dieser teuflischen Parade kommt ein Lastwagen. Drauf liegen, kreuz und quer diejenigen, die den Aufzug nicht
überstanden haben. Vor der Baracke werden sie einfach vom Wagen geschmissen und in die Baracke gezerrt. "Muselmänner. Wenn ihr nicht von Auschwitz wegkommt, ist das
euer Los" sagt Feldmann, der doch mehr weiß als wir....
Hasagwerk Meuselwitz: ...
Täglich fällt es mehr auf, daß der Gesichtsausdruck der Menschen eine Maske wird. Gleichgültig ob es die sind, die am Zaun ins Lager hineinschauen, oder die,
die wir sehen, wenn wir in der Stadt Schutt räumen müssen. Nur die Kinder, die jetzt eingerückt sind und durch unsere Straße marschieren, haben noch ein
Gesicht. Der Stahlhelm reicht bis auf die Schultern, Die Uniformen sind zu groß, das Gewehr scheint von einem Riesen zu sein. Aber sie gehen stramm im Schritt,
so wie sie das in der Hitlerjugend gelernt haben und die Augen strahlen wenn sie singen: “Wir werden weiter marschieren bis alles in Scherben fällt denn heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt”,
manchmal singen sie auch: "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt..." Immer aber wollen sie kämpfen und sterben für den Führer und das Vaterland...
Komotau: ...
wir setzen uns auf den Gehsteig, die Füße im Rinnsal. Ich versuche meinen Schuh wieder
herzurichten, es geht kaum noch. Der Eisendraht schneidet in das Leder und hat keinen Halt mehr. Während ich es doch noch probiere, klopft jemand auf meine Schulter. Eine
blonde Frau, vierzig vielleicht. "Entschuldigen bitte" sagt sie, "ich sehe, daß Ihr Schuh kaput ist. So können Sie doch nicht gehen." Da ich nicht weiß, was ich antworten soll,
fährt sie fort, daß sie mir ein Paar Schuhe schenken wird, wenn ich nur einen Augenblick warten will. "Bitteschön", sage ich und stehe auf. Aber sie ist schon weg und kommt
gleich wieder mit einem Paar wunderbaren Wanderschuhen. "Von meinem Buben" sagt sie. "Er ist an der Front gefallen und war doch erst siebzehn! Tragen Sie sie, bitte." Ich
sehe Tränen in ihren Augen, aber bevor ich mich bedanken kann, ist sie schon im Haus und schlägt die Türe hinter sich zu. Es verschlägt uns die Stimme... |